ZUSAMMENFASSUNG der DISSERTATION
Der modulare Konstruktivismus - Homogene Räume in der Utopie und in der repetitiven Kunst

Einleitung
(Dieser erste Abschnitt ist auch ein verdichteter Abriss der gesamten Dissertation)

Diese Arbeit stellt einen thematischen Zusammenhang her zwischen dem Teil der politischen Philosophie, die Utopie genannt wird (beginnend mit Thomas More) und den Werken der Architektur, Bildenden Kunst und Musik, die eine repetitive (modularte) Struktur aufweisen. Dabei wird voraussetzt, das ein wichtiger gemeinsamer Zug zwischen diesen zwei Gebieten (Utopie und repetitive Kunst), die Schaffung homogener und einheitlicher Räume ist.

Die egalitaristische Gerechtigkeitskonzeption, die für das utopische Denken charakteristisch ist, widerspiegelt sich nicht nur in der Struktur der utopischen Gesellschaft, sondern auch in der der utopischen Architektur und des utopischen Städtebaus. Als Ganzes ist diese Gesellschaftsstruktur homogen und (theoretisch) unbegrenzt erweiterbar, denn sie resultiert aus der identischen Wiederholung einer als perfekt betrachteten sozial-politisch-urbanen Einheit. Diese Einheit - meistens die ideale, prototypische Stadt - kann als Modul betrachtet werden. Dementsprechend hat der utopische Staat immer eine modulare Struktur.

In dieser Arbeit wird der Export der utopischen Struktur aus dem utopischen Denken (ein Teil der politischen Philosophie), über den idealen Städtebau, die Revolutionsarchitektur, bis in die Avantgarde-Bewegungen in der Kunst und Architektur (zum Beispiel Mondrian, Le Corbusier) verfolgt. Im Bereich der Kunstsprache und des Städtebaus mit modularem (repetitiven oder seriellen) Vokabular wird die Entwicklung dann weiter betrachtet: Es wird die Kunstproduktion der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für die das Prinzip Wiederholung strukturell fundamental ist und die ideell ihren Ursprung in der Avantgarde (und somit indirekt aus der Utopie) bezieht, analysiert.

Dabei werden die Aufbau-Prinzipien der räumlichen und zeitlichen Kunstwerke (Bildende Kunst/Architektur und Musik) mit modularer Struktur systematisch vorgestellt.

Die Gesamtheit dieser Konstruktions-Prinzipien wird in dieser Dissertation "Modularer Konstruktivismus" genannt und jedes Objekt, das eine modulare Struktur aufweist, "Modulare Konstruktion". An dieser Stelle sei blos angemerkt, dass eine modulare Struktur aus der Wiederholung einer beliebigen Einheit, die in dieser Arbeit Modul-Prototyp genannt wird, resultiert.

Die Arbeit besteht aus drei Teilen, die unten beschrieben werden:


Falls Sie andere Aspekte meiner Dissertation interessieren,
können Sie eine Passage aus dem
Interview von Yaara Tal mit mir ("Destillation als Projekt ") lesen.
(Es ist meine Antwort auf die zweite Frage)
(Das Interview ist ebenfalls unter dem Menupunkt "Interviews/Radiosendungen" zu finden.)
Le Corbusier: Plan Voisin (1925) (Foto aus Boesinger, W. und Stonorov, O., 1929)
Le Corbusier: Plan Voisin (1925)
Foto zitiert aus:
W. Boesinger und O. Stonorov, Le Corbusier et Pierre Jeanneret, L'oeuvre complète 1910-1929, Zürich 1929
Erster Teil
Das utopische Modell (oder das Prinzip Homogenität)

Im ersten Teil wird die Art und Weise untersucht, wie die ethische Dimension der Utopie, das heißt die egalitaristische Gerechtigkeit, die Struktur der utopischen Gesellschaft, sowie die des utopischen Städtebaus und Staates determiniert. Diese Struktur ist homogen und unbegrenzt erweiterbar, denn sie resultiert aus der identischen Wiederholung von komplexen sozialen und städtebaulichen Einheiten.

Der erste Teil konzentriert sich hauptsächlich auf Thomas Morus Utopia, wobei diese sowohl mit Platons Politeia als auch mit der Politischen Philosophie der Renaissance, speziell mit der Vertragstheorie (und hier hauptsächlich mit Thomas Hobbes Leviathan) in Verbindung gesetzt wird.

Es wird eine strukturelle Analyse des Staates Utopia vorgeschlagen, wobei die Interaktion zwischen den Faktoren Gerechtigkeit, Homogenität, Einheitlichkeit, Gleichgewicht und unendliche Ausdehnbarkeit hervor gehoben wird. (In diesem Zusammenhang wird auf die Autoren Richard Saage und Louis Marin Bezug genommen.)

Johann Valentin Andrae: Christianopolis (1619) (Foto aus Planstädte der Neuzeit)
Johann Valentin Andrae: Christianopolis (1619)
Foto zitiert aus:
"Klar und lichtvoll wie eine Regel". Planstädte der Neuzeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Karlsruhe

Als Abschluss des ersten Teils wird ein Konzentrat dieser Analyse unter dem Namen utopisches Modell oder utopische Formel vorgestellt. Diese Formel beschreibt, wie sich die homogene und aus gleichen urbanen Einheiten aufgebaute utopische Gesellschaft aus der egalitären Gerechtigkeitskonzeption ableitet. Dabei wird die strukturelle Zusammengehörigkeit des Egalitarismus mit der Wiederholung, der Ausweitbarkeit und der Homogenität der utopischen Gesellschaft und Städtebaus in Verbindung gesetzt.

Ludwig Hilbersheimer: Hochhaus-Stadt (Foto: Eaton, Ruth)
Ludwig Hilbersheimer: Hochhaus-Stadt
Foto zitiert aus:
Ruth Eaton, Cités idéales. L'utopisme et l'environnement (non)bâti, Anvers, 2001
Zweiter Teil
Die modularen Strukturen (oder das Prinzip Wiederholung)

Im zweiten Teil werden die Konstruktionsprinzipien der räumlichen und musikalischen Kunstwerke mit modularer Struktur (die entstanden sind, durch die ausschließliche Wiederholung irgendeiner Einheit, eines Modulprototyps) systematisch (und "gleichberechtigt", in jeweils einem eigenen Kaptel) dargestellt.

In dieser Arbeit werden die Gesamtheit dieser Prinzipien „modularer Konstruktivismus“ und jedes repetitive Objekte, das nach diesen Prinzipien strukturiert ist, „modulare Konstruktion“ genannt.

Arman: Waves after waves Nr. 2 (Foto: )
Arman: Waves after waves Nr. 2
Foto zitiert aus:
Bernard Lamarche-Vadel, Arman, Paris, 1998

Nach dem Einführendem Abschnitt über die Kunstwerke der Bildenden Kunst UND der musikalischen oder zeitlichen Kunstwerke (Film) mit modularer Struktur folgt der Hauptabschnitt des zweiten Teils, über die Konstruktionsprinzipien der modularen Strukturen.

Hier können diese Prinzipien aus Platzgründen nicht dargestellt werden, aber die Titel der einzelnen Kapitel (siehe Inhaltsverzeichnis links oben) sollten reichen, um einen Eindruck zu bekommen. Im Folgenden werden nur die Künstler, Künstlergruppen oder Schulen genannt, die in den jeweiligen Kapiteln besprochen wurden, aufgelistet.

Helmut Lachenmann: Filterschaukel (Foto: Lachenmann, Helmut, Universal-Edition, Wien)
Helmut Lachenmann: Filterschaukel
Zitiert aus:
Helmut Lachenmann, Ein Kinderspiel, Universal-Edition, Wien

Im Kapitel 2.2.1.1. Das Prototyp-Modul und die Kette wiederholter Module wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es
wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Vitruvius, Arman, César, Nouveau Réalisme, Lucio Fontana, Günther Uecker, Sol, Le Witt, Andy Warhol, Donald Judd, Roman Opalka, György Ligeti, Pierre Boulez, Morton Feldman, Helmut Lachenmann, minimal music, Manfred Mohr, Eric Satie, Minoru Yamasaki, Max Bill.

Im Kapitel 2.2.1.2. Die Schichten der modularen Struktur (einfache und zusammengesetzte Module) wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Yona Friedmann, Carl Andre, Wladimir Strzeminski, La Monte Young, Sol Le Witt, Victor Vasarely, Kisho Kurokawa, Wolfgang Döring, Frank Stella, John Cavanaugh, Andy Warhol, Arman, Bertrand Goldberg, Helmut Lachenmann, Olivier Messiaen, Arnold Schönberg.

Heinz und Bodo Rasch: Serie von hängenden Gebäuden (Foto: aus Klotz, Heinrich, 1986)
Heinz und Bodo Rasch: Serie von hängenden Gebäuden
Foto zitiert aus:
Heinrich Klotz (Hrsg.), Vision der Moderne. Das Prinzip Konstruktion, Frankfurt/M, 1986

Im Kapitel 2.2.1.3. Ordnung und Unordnung auf der globalen Ebene der modularen Struktur und im Inneren der Module wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Arman, Francois Morellet, Yona Friedmann, Robert Morris, Günther Uecker, Morton Feldmann.

Im Kapitel 2.2.1.4. Die potentiell unbegrenzte Ausdehnbarkeit der Konstruktionen mit modularer Struktur wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Piet Mondrian, Daniel Dezeuze, Arman, Adolf Fleischmann, Bridgat Riley, Sol Le Witt, Jean Nouvel, Francois Morellet.

Im Kapitel 2.2.2.4. Statische modulare Strukturen wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Constantin Brancusi, Yôko Ono, John Cavanaugh, Luigi Nono.

Im Kapitel 2.2.2.6. Die Kontinuität und Progressivität (oder der graduelle und additive Charakter) einer jeden Transformation der modularen Strukturen wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Steve Reich, Olivier Messiaen, Phillip Glass, Marcel Duchamp, Umberto Boccioni, Carrà.

Equipo Crònica: Concentration o la cantitad se transforma en calidad (Foto: aus Livingstone, Marco, 1994)
Equipo Crònica: Concentration o la cantitad se transforma en calidad
Foto zitiert aus:
Marco Livingstone (Hrgb:), Pop Art, München, 1994

Im Kapitel 2.2.2.7. Transformation der Module (Beispiele) wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Dan Flavin, Walter De Maria, Tony Cragg, Bob Verschueren, Equipo Crònica, Helmut Lachenmann, Phillip Glass, Tom Johnson, Pierre Boulez, György Ligeti.

Pierre Boulez: Rituel (Anfang) (Foto: aus Pierre Boulez: Rituel,  UE, 1974)
Pierre Boulez: Rituel (Anfang)
Foto zitiert aus:
Pierre Boulez, Rituel, UE, 1974

Im Kapitel 2.2.2.8. Transformation der Zusammenfügung der Module (Beispiele) wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Georg Nees, Bridget Riley.

Im Kapitel 2.2.2.9. Statische modulare Strukturen die aus Modulen bestehen, die einer Transformation unterworfen sind wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Walter Jonas, Almir Mavignier.

Im Kapitel 2.2.3. Gestaltung der Konstruktionen mit modularer Struktur (Schnitte, Zersplitterungen, Hüllen) wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
Dan Flavin, György Ligeti, Francois Morellet, Arman.

Arman: La Vénus aux blaireaux (Foto: Lamarche-Vadel, Bernard, 1998)
Arman: La Vénus aux blaireaux
Foto zitiert aus:
Bernard Lamarche-Vadel, Arman, Paris, 1998

Im Kapitel 2.3. Zusammenfügung mehrerer unterschiedlicher Konstruktionen mit modularer Struktur zu einem einzigen (Kunst)Werk wurde auf folgende Künstler eingegangen und/oder es wurden Werke folgender Künstler/Schulen (als Darstellungsobjekte) analysiert:
György Ligeti, Sol Le Witt, Claes Oldenburg, Victor Vasarely, Steve Reich, Attila Kovacs, Francois Morellet, Piet Mondrian, Kisho Kurokawa, Tanaka Atsuko, Henryk Stasewski, Helmut Lachenmann, Pierre Boulez.

Dritter Teil
Die modulare Struktur des utopischen Modells und die ethische Dimension der modularen Konstruktionen

Wie bereit im ersten Teil dargelegt, ist sowohl die Struktur der utopischen Gesellschaft, als auch des utopischen Städtebaus homogen und prinzipiell unendlich erweiterbar. Das resultiert aus der Tatsache, dass sowohl Gesellschaft als auch die Stadt und der Staat aus identisch wiederholten Einheiten (soziale Gruppen oder Häuser/Häusergruppen) unterschiedlicher Komplexität aufgebaut wird. Wie wir bereits gesehen haben resultiert diese Struktur aus dem übergeordneten ethischen Ziel der Utopisten, eine konsequent egalitäre Gerechtigkeit zu realisieren.

Im dritten Teil wird die beschriebene Struktur der Utopie und die im zweiten Teil dargestellten modularen Konstruktionen in Verbindung gesetzt. Dabei wird es ersichtlich, dass sich die die Strukturen nicht nur entsprechen, sondern dass etliche Motive, die zu diesen modularen Strukturen im Verlauf der Geschichte der politischen Philosophe und der Kunst (speziell der Avantgarde) einen gemeinsamen Hintergrund aufweisen.

Piet Mondrian: Pier et ocean (Foto: aus Bois, Yves-Alain, 1995)
Piet Mondrian: Pier et ocean
Foto zitiert aus:
Yve-Alain Bois, Piet Mondrian, Bern, 1995

Um dies zu belegen, wird in einem ersten Abschnitt der ethisch/soziale Aspekt des utopische Städtebau/Urbanismus betrachtet. (Der utopische Städtebau ist ja eine Visualisierung oder Veranschaulichung der utopischen Ideale.) Als erstes wird die modulare Struktur der Stadt Amaurotum, Hauptstadt des Staates Utopia und die des gesamten Staates, dargelegt.

Danach wird gezeigt, wie dieselbe Struktur in allen Idealstädten des 16.-18. Jahrhunderts wieder zu finden ist, und dass diese Struktur im Fall von Idealstädten eine historische Konstante ist.

Zum Schluss wird auf den Urbanismus Le Corbusiers eingegangen, der - wie es seine in dieser Arbeit oft zitierten Schriften belegen - einen sehr starken utopischen Hintergrund hat.

Arnold Schönberg: Die Jakobsleiter (Takte 563-564) (Foto: aus Arnold Schönberg: Die Jakobsleiter, Universal-Edition 13356, Wien)
Arnold Schönberg: Die Jakobsleiter (Takte 563-564)
Foto zitiert aus:
Arnold Schönberg, Die Jakobsleiter, Universal-Edition 13356, Wien
Morton Feldman: Intermission 6 (Foto: aus Feldman, Morton, <cite>Solo piano  works 1950-64, Edition Peters)
Morton Feldman: Intermission 6
Foto zitiert aus:
Morton Feldman, Solo piano works 1950-64, Edition Peters